Krankenhausseelsorge – der Kirche lieb, aber zu teuer

von Heike Jackler

Das Recht der Religionsgesellschaften, in Krankenhäusern Seelsorge anzubieten, ist im Grundgesetz garantiert: “Soweit das Bedürfnis nach Gottesdienst und Seelsorge im Heer, in Krankenhäusern, Strafanstalten oder sonstigen öffentlichen Anstalten besteht, sind die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist.”1

Während sowohl die Gefängnisseelsorge als auch die Militärseelsorge staatlich finanziert werden, ist die Krankenhausseelsorge noch Sache der Kirchen. So ist zumindest die landläufige Annahme. Die Kirchen jedoch sind schon längst dabei, andere Lösungen für die Zukunft zu planen und zum Teil schon umzusetzen. Denn Krankenseelsorger sind in der Regel Pfarrer mit einer speziellen Zusatzausbildung und werden entsprechend hoch besoldet.

Ein Artikel in der Westdeutschen Zeitung machte kürzlich auf Versuche aufmerksam, eine Beteiligung der Kliniken an den Kosten der Krankenhausseelsorge zu erreichen. Dies wurde im Rahmen der diesjährigen Sommer-Synode des Kirchenkreises Wuppertal bekannt. In einem Diskussionspapier an die Teilnehmer der Synode wurde beklagt, dass der Kirchenkreis Wuppertal zukünftig nicht mehr in der Lage sein werde, den bisherigen Pfarrstellenumfang im Bereich der Krankenhausseelsorge zu finanzieren. Es sei denn, durch Absprachen mit Krankenhausträgern ließe sich ein erheblicher Refinanzierungsanteil erreichen. Eine Vollzeitstelle koste den Kirchenkreis 87.000 Euro.2

Dass dies keine neuen Pläne der Kirche sind, ihre Einnahmen zu erhöhen bzw. Ausgaben zu senken, zeigen die “Leitlinien für die evangelische Krankenhausseelsorge” aus dem Jahr 2004, herausgegeben von der EKD.3 Dort heißt es: “Die demografische Entwicklung, die abnehmende Kirchenmitgliedschaft und vor allem die Steuerreformen mit ihren Folgen für die Kirchensteuer engen die kirchlichen Handlungsspielräume ein und erfordern deutliche Prioritätensetzungen.” Gewünscht wird, dass die “an der Krankenhausseelsorge Interessierten und Beteiligten – die Patienten und ihre Angehörigen, die verschiedenen Berufsgruppen im Krankenhaus, die kirchlichen Leitungsorgane und die Klinikleitungen, die Krankenkassen und Verbände…, erkennen, was sie zur Sicherung und Weiterentwicklung … beitragen können”.

Seelsorge als öffentliche Aufgabe

Dabei wirbt die EKD damit, dass das Unternehmen Krankenhaus die Dienstleistung “Seelsorge” als Wettbewerbsvorteil ansehen solle. Eine Refinanzierung durch das Krankenhaus sei eine “Investition in die Qualität der klinischen Versorgung”. Zwar wird hervorgehoben, dass die einzelnen Landeskirchen die Krankenhaus-seelsorge “aus eigener Freiheit und Begründung heraus” betreiben. Gleichzeitig wird sie jedoch als “Erfüllung öffentlicher und gesellschaftlicher Aufgaben” angesehen, “auf die alle angewiesen sind, die aber staatlich weder hervorzubringen noch zu garantieren sind”. Hier bedient sich der Autor der Leitlinie beim Böckenförde-Diktum, welches auch in der säkularen Szene bereits zu breiten Diskussionen geführt hat4 und dessen instrumentalisierte Argumentation die weit reichende Beteiligung der Kirche an öffentlichen Aufgaben unter möglichst vollständiger staatlicher Finanzierung sicherstellen soll.

Pfarrer Matthias Mißfeldt, Krankenhausseelsorger in Dortmund und Sprecher der evangelischen Krankenhausseelsorge Westfalen, bestätigte in einer E-Mail die Refinanzierungsbestrebungen der Kirche. Über die Höhe der Refinanzierungen durch die Kliniken konnte er jedoch keine Aussagen treffen, das sei zu unterschiedlich. “Zum Teil refinanzieren die Krankenhäuser die Personalkosten der Seelsorgenden… Diese Dinge werden in Einzelverträgen zwischen den jeweiligen Anstellungsträgern (ev.: Kirchenkreise; kath.: Bistümer) geregelt. Es geht von ganz geringen Anteilen bis zur vollen Finanzierung der Personalkosten – allerdings die absolute Ausnahme. Die kon-fessionellen Krankenhäuser sind zu Teilrefinanzierungen eher bereit als Häuser in kommunaler oder privater Trägerschaft.”

Zukunftspläne

Die Pläne gehen aber weiter: “Wir im Konventsvorstand setzen uns schon dafür ein, dass Krankenhausseelsorge ein Teil der Krankenbehandlung wird und entsprechend im §39 SGB V verankert wird. Das ist aber noch ein langer Weg. Zur Zeit beteiligen sich Krankenkassen und Rentenversicherungsträger folgerichtig nicht an einer Finanzierung. Wie die Entwicklung sein könnte, kann mensch bei unseren holländischen Nachbarn anschauen. Dort gibt es ein interkonfessionelles und interreligiöses System der sogenannten ‘geistlichen Versorgung in Einrichtungen’ mit einem übergreifenden Berufsstandard, der gleichermaßen für Protestanten, Katholiken, Juden, Moslems, Hindus und auch Humanisten gilt.”
Der § 39 des Sozialgesetzbuches, Fünftes Buch, regelt den Umfang der Krankenhausbehandlung und ihre Finanzierung durch die Krankenkassen.

Die Krankenhausseelsorge Westfalen stellt im Internet Musterverträge5 der Kirchen mit den Kliniken über die Krankenhausseelsorge bereit. Hervorgehoben wird dabei, dass der Seelsorger auch bei (Teil-) Finanzierung durch die Klinik stets Angestellter der Kirche bleibt und deren Dienstanweisungen unterliegt. Aufgelistet wird, was die Klinik neben der gewünschten Beteiligung an den Personalkosten noch zu leisten bzw. bereitzustellen hat: “Ein angemessenes Büro mit entsprechender Möblierung und Ausstattung; Krankenhauskapelle oder Andachtsraum; Telefonbenutzung und Anrufbeantworter.” Dazu sind “die Kosten für die zur Aufgabenwahrnehmung benötigten Sachmittel im angemessenen Umfang vom Krankenhaus zu tragen”.

Fragwürdige Datenübergabe

Auch die Datenübergabe ist im Vertrag geregelt: “Zur Erfüllung des Dienstauftrages erhält der Seelsorger, die Seelsorgerin insbesondere: grundsätzlichen Zugang zu allen Patienten; die Liste der evangelischen Patienten; die Benachrichtigung über Sterbefälle, schwere Krankheitsfälle und Besuchswünsche.” Gleichzeitig sichern sich die Seelsorger “eine Möglichkeit der Teilnahme an Stations- und Krankenhauskonferenzen” und die “Teilnahme an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen des pflegerischen und ärztlichen Personals”. Hier stellt sich doch die Frage, wie weit der Seelsorger auch Informationen über Krankheiten und Befinden derjenigen Patienten erhält, die nicht ausdrücklich seelsorgerischen Beistand wünschen.
Die Krankenhausseelsorge Westfalen legt in diesem Mustervertrag übrigens eine interessante Strategie offen. Folgende Anweisung enthält das Dokument: “Bei Finanzierungsregelungen ist eine möglichst lange Laufzeit zu vereinbaren. Gelingt dies nicht, können auch kürzere Laufzeiten vereinbart werden.” Als Mustertext sind im Finanzierungsfall 5 Jahre, bei Nichtfinanzierung nur 2 Jahre Vertragslaufzeit genannt.

Wem dient die Seelsorge? Der Kirche oder dem Kranken?

Wenn die Kirchen die Seelsorge durch Pfarrer als Teil der Krankenhausbehandlung verankert wissen möchten, muss man fragen, was die Aufgabe der Krankenhausseelsorge ist, welches Ziel die Kirchen damit verfolgen? Während im Mittelalter die Seelsorge “im Zeichen christlicher Barmherzigkeit, verbunden mit geistlich-moralischer Zurechtweisung”6 geschah, streitet man heute innerkirchlich darüber, ob und inwieweit die Krankenhausseelsorge zur Missionierung genutzt werden sollte. So hat die Kirche nach den oben genannten “Leitlinien” den Auftrag, “das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen. Die Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus Christus auf vielfältige Weise zu vermitteln, dazu sind alle kirchlichen Dienste da.” Aufgabe der Krankenhaus-seelsorge sei es “gerade in den Krisensituationen an die Kraft des Evangeliums zu erinnern.” Man könnte auch sagen: die Krise des Kranken zur Mission auszunutzen.

Zu solchen Missionsbestrebungen nahm der Vorstand der Konferenz für Krankenhausseelsorge in der EKD am 13.10.2006 jedoch kritisch Stellung.7 Während andere damit liebäugeln, “neue Mitglieder zu gewinnen, Distanzierte zu interessieren und Ausgetretene zur Rückkehr zu bewegen”, lehnt es der Vorstand für Krankenhausseelsorger strikt ab, Mitgliedergewinnung zu betreiben.
Die erwähnte schriftliche Stellungnahme zeigt aber weitere innerkirchliche Differenzen auf, die zweifeln lassen, ob die klare Absage der Missionierung tatsächlich ernst gemeint ist. So soll die Krankenhausseelsorge als “derart wichtige Kernaufgabe” auf landeskirchlicher Ebene verortet sein und “nicht in das Belieben einzelner Kirchenkreise gestellt sein”. Auch ein Rückzug aus der Finanzierung sieht die Konferenz für Krankenhausseelsorge der EKD kritisch: “Die Finanzierung der KHS durch die Kirche stellt sicher, dass in Krankenhäusern weiterhin evangelische Kirche sichtbar ist und Ort für ‘Gemeinde bei Gelegenheit’ bietet. Ein Rückzug aus der Finanzierung würde die KHS als Kernaufgabe der evangelischen Kirche schwächen und damit die evangelische Kirche an sich.”

Angesichts der neuen Zahlen aus dem Gemeindeleben ist diese Sorge berechtigt. So nehmen z.B. in der Evangelischen Kirche im Rheinland nur noch 3% der Gemeindemitglieder am Gottesdienst teil.8 In Bochum ist bereits seit längerem ein Kirchengebäude mit einem Bauzaun abgesperrt und nur durch einen Sicherheitstunnel zum Gottesdienst zu betreten. Die aufwändige Sanierung hält man angesichts der äußerst geringen Auslastung kaum noch für vertretbar und schließt einen Abriss nicht mehr aus.9 So ist es verständlich, dass die Kirche Menschen dort verstärkt aufsuchen möchte, wo sie nicht weglaufen können: am Krankenbett.


Anmerkungen:

1 Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 141 WRV
2 Westdeutsche Zeitung, Lokales, Wuppertal, 15.7.2010
3 Die Kraft zum Menschsein stärken, Leitlinien für die evangelische Krankenhausseelsorge. Eine Orientierungshilfe, 2004
4 Z.B. Humanismus und ‘Böckenförde-Diktum’, humanismus aktuell, hrsg. von der Humanistischen Akademie 2008 zur gleichnamigen Tagung im November 2007 mit Beiträgen verschiedener Autoren und Referenten.
5 Kostenbeteiligung Dritter an Krankenhausseelsorge
6 Die Kraft zum Menschsein stärken, Leitlinien für die evangelische Krankenhausseelsorge. Eine Orientierungshilfe, 2004.
7 Stellungnahme des Vorstandes der Konferenz für Krankenhausseelsorge in der EKD, 13. Oktober 2006
8 http://www.ekir.de/www/ueber-uns/statistik.php (Stand 8/2010)
9 WAZ, 2.8.10, Lutherkirche vor dem Ungewissen

Aus MIZ 3/10