April 2015

Herr S. sieht sich wegen Verpartnerung gezwungen zu kündigen

Herr S. arbeitet seit 8 Jahren als Erzieher für einen katholischen Träger in einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung. Er leitet eine Wohngruppe für traumatisierte Kinder und Jugendliche, denen er Selbstwert und das Gefühl von Sicherheit vermitteln soll. Sein Arbeitgeber duldet seine Homosexualität - Herr S. lebt mit seinem Partner und zwei Pflegekindern in einem kleinen Ort in NRW - solange diese nicht offen gelebt wird.

Herr S. soll im Jahr 2014 eine Stelle als Fachbereichsleiter übernehmen, doch als er seinem Arbeitgeber mitteilt, dass er seinen Partner heiraten will, wird ihm dieses Angebot wieder entzogen. Es gilt der Grundsatz, dass man als Homosexueller keine leitende Tätigkeit ausüben darf, und durch die Heirat würde Herr S. seine Homosexualität offen legen. Da Herr S. ein sehr kompetenter und engagierter Mitarbeiter ist, überlegt man eine Struktur in der Einrichtung zu schaffen, die es Herrn S. möglich macht seine Homosexualität offen leben und gleichzeitig leitende Aufgaben übernehmen zu können. Zur Erarbeitung einer neuen Stellenbeschreibung wird sogar eine externe Beratung hinzugezogen. Es finden mehrere Gespräche statt, die aber nur ergeben, dass man die, durch die katholischen Vorstellungen geprägten Strukturen nicht umgehen kann und den üblichen Weg gehen muss: Herr S. sollte heimlich heiraten, seinen Namen und seine Steuerklasse nicht ändern, damit der Träger keine Informationen über sein Privatleben erhalten kann. Wegen seiner Homosexualität darf er nur eine Stabsstelle übernehmen und nicht wie geplant die Stelle als Fachbereichsleiter.

Bereits einmal hat Herr S. seine Arbeit als Erzieher in einer Jugendhilfeeinrichtung mit einer kath. Trägerschaft verloren. Hier absolvierte er auch seine Ausbildung und arbeitete nach seinem Abschluss als Erzieher, um sich sein Studium der Sozialarbeit zu finanzieren. Immer öfter redet er damals offen über seine Partnerschaft. Als er durch ein Missverständnis eine Viertelstunde zu spät zur Arbeit kommt, nutzt der Einrichtungsleiter dies und kündigt Herrn S. am Telefon. Zu weiteren Gesprächen ist der Leiter nicht bereit. Auch in der Mitarbeitervertretung (MAV) vermutete man, dass Herr S. die Kündigung erhalten hat, weil er offen mit seiner Homosexualität umgegangen ist. Herr S. muss wegen der Kündigung sein Studium der Sozialen Arbeit vorerst abbrechen. Diese Erfahrungen führten dazu, dass er viele Jahre über seine Homosexualität geschwiegen hat. Bis heute werden in dieser Jugendhilfeeinrichtung Mitarbeiter_innen bezüglich der Regeln katholischen Glaubens unter Druck gesetzt: Denjenigen, die standesamtlich heiraten wird nahegelegt, möglichst bald auch kirchlich zu heiraten; diejenigen, die ein Kind bekommen, werden gefragt, wann man dieses denn taufen lassen würde.

Auch an seiner neuen Arbeitsstelle ist Herr S. gezwungen die Kinder und Jugendlichen mit denen er arbeitet, anzulügen, obwohl seine pädagogische Arbeit das Ziel hat eine intensive und auf Vertrauen basierende Beziehung aufzubauen, Ehrlichkeit also eine wichtige Rolle spielt. Wenn die Kinder nach seinem Privatleben fragen, muss er Geschichten erzählen die nicht stimmen, wenn er mit dem Partner privat in der Stadt unterwegs ist, muss er stets darauf achten, dass keine Kinder aus der Einrichtung ihn sehen. Herr S. hätte seinen Partner nur heimlich und im engsten Kreise heiraten dürfen, er hätte nie über sein Hochzeitsfest reden dürfen. Er und seine Pflegekinder hätten nie über die Verpartnerung, nicht über ihre „Papas“ reden dürfen. "Ich hätte mein ganzes Leben verleugnen, alles heimlich und versteckt machen müssen.“

Es ist schwer für Herrn S. zu akzeptieren, dass die Kirche die Grundrechte der Menschen nicht anerkennt und dass für diese "nicht alle Menschen vor Gott gleich sind". Schließlich entscheidet er sich im Jahr 2015 zu kündigen und muss so die langjährigen intensiven Beziehungen zu Kindern und Jugendlichen abbrechen. "Nach einem langen und zum Teil schmerzhaften Prozess habe ich selber gekündigt, weil ich dieses System nicht mittragen kann. Davon abgesehen, hätte ich jederzeit mit einer Kündigung rechnen müssen.“

Eine ehemalige Schutzbefohlene drückt es so aus: "Betreut wurde ich von fünf ErzieherInnen und Sozialpädagogen, die die Rolle und die Aufgaben meiner biologischen Eltern übernommen haben und zu denen ich eine enge und vertraute Bindung entwickelt habe. In all den Jahren wurden mir auch Toleranz, Respekt, Liebe anerzogen und vorgelebt (…) Ich muss gestehen, dass ich geschockt und traurig war und bin (…) weil er mir seine Homosexualität verheimlichen musste und dass er von der katholischen Kirche nur auf seine sexuelle Orientierung reduziert wird (…) wie kann die Kirche von ihren Mitarbeitern erwarten, uns Kindern Respekt, Toleranz und Liebe anzueignen, wenn sie es selbst missachtet? Wie ist es möglich, dass wir im 21. Jahrhundert von der rasanten Entwicklung der Wissenschaft, Technologie und Weltanschauung in die Zukunft getragen werden, während die katholische Kirche durch das Unmenschliche in der Vergangenheit verharrt? (…) der Kirche wird es egal sein, dass W. acht Jahre lang mit vollem Engagement und voller Freude für die Einrichtung und die Kinder gearbeitet hat. Es wird egal sein, dass er mir und vielen Kindern das Leben erleichtert hat und das Gefühl gegeben hat, wichtig zu sein. Denn wie bereits gesagt, die katholische Kirche setzt andere Prioritäten!“